Erkner als Chemiestandort
Die Stadt Erkner hat ca. 12.000 Einwohner und liegt im brandenburgischen Landkreis Oder-Spree (LOS) am östlichen Stadtrand Berlins zwischen Wäldern, Flüssen und Seen.
An diesem Schnittpunkt wichtiger Berliner Gewässer und der Eisenbahnlinie Berlin - Oder - Schlesien etabliert 1859/60 der Unternehmer Julius Rütgers seine "Theerproductenfabrik Erkner" zur Herstellung der Grundstoffe seiner Imprägnieranstalten für Eisenbahnschwellen.
Diese erste große Teerdestillation Deutschlands wird bald - mit acht weiteren Rütgers - zu einem wesentlichen Lieferer von Steinkohlenteerprodukten für die aufstrebende deutsche chemische als auch Elektroindustrie.
Ebenfalls darauf basierend beginnt in Zusammenarbeit mit dem Erfinder Leo H. Baekeland im Rütgers-Werk Erkner 1909/10 die weltweit erste industrielle Produktion von Kunststoffen der Bakelite GmbH.
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Warum gerade Erkner? Zur Standortwahl des Julius Rütgers
Die genauen Beweggründe, die Julius Rütgers ca. 1859 zur Wahl Erkners als Standort für eine seiner Imprägnieranstalten und wenig später die erste seiner Teerdestillationen geführt haben, werden wohl sein Geheimnis bleiben. Auch seine erste Begegnung mit Erkner, bei der er vielleicht schon in seiner üblichen Manier mit dem Spazierstock Ideen in den Sand skizzierte, ist uns leider unbekannt.
Mit Ortskenntnis und etwas chemischem wie unternehmerischem Sachverstand lassen sich aber die wesentlichen Standortfaktoren ermitteln. Sicher spielten für Rütgers diese möglichen Gründe eine Rolle:
die relative Nähe und vorallem verkehrsgünstige Lage zu Berlin:
• umfangreiche chemische Forschung und Lehre an der Berliner Universität und der Technischen Hochschule Charlottenburg (heute Berlin-C.)
• bereits vier Gaswerke als Lieferanten des Grundstoffs Steinkohlenteer, der bisher ein störendes Abfallprodukt darstellte
die Lage Erkners an einer Kreuzung wichtiger Verkehrswege:
• insbesondere an der für Rütgers wichtigen Eisenbahnlinie Berlin - Breslau mit Bahnhof, die aber auch zur wichtigsten Bahnverbindung in die östlichen Gebiete Preußens bzw. des Deutschen Reiches sowie nach Ost- und Südosteuropa wurde, bei deren Verkehrsanschließung sich Rütgers stark engagierte
• mit einem verzweigten Gewässersystem, das über die Spree Erkner mit den Berliner Gaswerken verknüpfte, so dass preisgünstige Transporte gesichert waren, zumal bereits jetzt viele Schiffer (bis zu 50 Kähne täglich) das boomende Berlin mit den begehrten Baustoffen der Rüdersdorfer Kalkbrüche auf den Wasserwegen durch Erkner versorgten, die meisten bislang mit Leerfahrten zurück
• auch andere größere Nachbarstädte hatten inzwischen Gaswerke (z. B. Charlottenburg oder Fürstenwalde), die über die Spree gut erreichbar waren.